INTERESSEN-GEMEINSCHAFT BACKOFEN EMSTAL

Tradition des Brotbackens in originalen Lehmbacköfen des 19. Jahrhunderts

Das EmstalerKugelbrot rollte aus dem Backofen

Ungewöhnliche Interessengemeinschaft belebt einen alten Volksbrauch neu

 

Wieder Brot gebacken wird in diesem alten Ofen auf dem Backofenplatz in Emstal (Landkreis Brandenburg). Wie es dazu kam, lesen Sie in der nächsten Woche auf „Havel und Spree".

Gemeindesekretärin Gerda Behrendt erinnert sich: Ihre Eltern bewahrten das selbstgebackene Brot, stattliche Sechspfünder, im kühlen Keller auf. Große Steintöpfe mit Deckel hielten es 14 Tage lang frisch. Dann wurde neues gebacken. Dazu gab's in zahlreichen Gehöften des Dörfchens Emstal (Land­kreis Brandenburg), aber auch auf einem zentralen Platz, die nötigen Backöfen.

Die konnten übrigens weitmehr als Brot backen. Spanferkel und Ziegen- lämmr verwandelten sich in ihnen zu knusprigem Braten, Backpflaumen leg­ten ihre Haut in Falten, und zum Schlachtefest wurde „Genicksbraten" als märkische Spezialität hineingescho­ben.

Als Brotbacken noch zum Alltag zählte ...

In den 20er Jahren noch zählte das Brotbacken zum Emstaler Alltag. Nach 1945 lebte es wieder auf (Brot mit Kar­toffelbeimengung kam damals in die Öfen), um in den 50er Jahren endgül­tig einzuschlafen. Wer wollte sich schon die Arbeit machen...

Der Backofenplatz, über dem ein Storchenpaar seinen Horst hat, aber be­stand weiter. Und so kamen vor Mona­ten einige Emstaler auf die Idee, wie­der selbst Brot zu backen. Wie früher jeder Ofen von mehreren Familien ge­meinsam betrieben wurde, so gründe­ten sie eine Interessengemeinschaft (IG) Backofen, die wohl einmalig sein dürfte in unserem Land.

Einen Backofen herzurichten, ko­stete Mühe, aber keinen Pfennig. Feld­steine dienten dazu, ihn auszubessern, eine frische Schicht Lehm wurde auf­geworfen, nicht ohne die Abzugslöcher zu berücksichtigen. Dann zogen die neun beteiligten Familien in den Wald, Knack (Reisig) zu binden. Denn was anderes als Reisig darf's nicht sein, um das Brot zu bräunen.

Eine Woche vor dem Backtag muß an­geheizt werden, um die Feuchtigkeit aus dem Ofen zu zwingen. Weiß­glühend vor Hitze sollen die Steine sein. Bräunt sich Korn, auf einer Schaufel hineingeschoben, ist die Temperatur richtig. Solche Erinnerungen kramten die Mitglieder, vor allem die älteren, der Interessengemeinschaft aus, der u. a. ein Maurer, ein Kfz-Schlossermei- ster, die. Bürgermeisterin, ein Feuer­wehrmann, ein ehemaliger Müller, ein Bäcker angehören. Auch was den Teig anbetraf, wurden, sie sich einig. Kar­toffeln taten sie natürlich nicht hinein, ersetzten das traditionelle Roggen- durch ein Mischbrot. Das Teigmachen übernahm die Kindergartenküche, den „Sauren" - der früher von Mal zu Mal aufbewahrt wurde - stellte der Bäcker.

 

Dennoch blieb das erste Backen ein Abenteuer. Denn eins muß man wis­sen: Die vom LPG-Vorsitzenden Her­bert Schenk und der Näherin Brun­hilde Schneider geleitete Interessen­gemeinschaft sah weit über den Brot­laib auf dem eigenen Tisch hinaus. Sie will den Backofenplatz als Denkmal bäuerlicher Produktionsgeschichte er­halten - und sie wollte mit einem Backofenfest ein neues sozialistisches

Volksfest, fußend auf heimatlicher Tra­dition, für Emstal begründen.

So wie das erste Brot gelang auch das. Obwohl das Fest kaum publik gemacht wurde, fand sich die IG plötz­lich von mehr als 2000 Interessenten umringt. So sehr der Ofen auch glühte: Das ein Kilo schwere Emstaler Kugelbrot, eine Neuschöpfung der IG, reichte längst nicht. für alle, auch das große Schwein, portionsweise im Ofen gebacken, war im Handumdrehen ver­speist. Doch die zu spät kamen, wur­den durch eine Bratwurst vom Grill, Musik und Kinderbelustigungen zu­friedengestellt.

Jedes Jahr Backofenfest

So wird's auch 1984 und danach, je­weils eine Woche nach Pfingsten, das Emstaler Backofenfest geben. Zwei Öfen sind ja noch zu vergeben - Inter­essenten dafür haben sich bereits an­gemeldet. Sie werden mit ihren Back­künsten helfen, den Besucheransturm künftig besser zu meistern.

E. Hohenstein

 

 

 Im alten Backofen wird wieder Brot gebacken. Darüber freuen sich die IG-Mitglieder Brunhilde Schneider, Gerda und Lieselotte Behrend, Emstals Bürgermeister

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